Die verhinderte Metropole
Fast wäre Waldgirmes Hauptstadt geworden - von Angelika Franz
Wäre Größe planbar, es gäbe an der Rodheimer Straße Versace, am Eichenweg Gucci, in der
Kreuzerstraße einen Starbucks. Doch etwas lief in der Entwicklung dieser Stätte schon in römischer Zeit
schief. Deswegen zählt Waldgirmes heute nicht zu den Metropolen dieser Welt. Der kleine hessische Ort im Lahntal
zwischen Wetzlar und Gießen - kennt ihn jemand?
Das Weltreich hatte vor zwei Millennien mit Waldgirmes Großes vor. Der Ort hätte die Hauptstadt der neuen Provinz
Germanien werden können. Ein paar schöne geräumige Häuser standen schon auf der acht Hektar großen
Projektfläche, auch ein befestigter Schutzwall und ein steinernes Forum, vor dem mindestens eine Reiterstatue aus
vergoldeter Bronze in der Sonne funkelte. Zehn Jahre lang waren die Straßen von Waldgirmes voll Leben.
Doch im Jahr 9 geschah das Unvorstellbare: Der Cheruskerfürst Arminius, auf gut Deutsch Herrmann, lockte im Teutoburger
Wald das römische Heer des germanischen Statthalters Varus in einen Hinterhalt und richtete unter den Soldaten ein so
schlimmes Gemetzel an, dass danach Augustus im fernen Rom jammerte: "Varus, Varus, gib mir meine Legionen wieder!".
Die Niederlage der expansionshungrigen Imperialisten hatte zur Folge, dass der Plan für eine Provinz Germanien ad acta
gelegt wurde. Waldgirmes blieb ein Nest in der Provinz.
Den Bruch in der Geschichte belegen die Archäologen. Die spätesten römischen Münzen, die sie aus dem
Erdreich prokeln, tragen den Prägestempel des Varus. Eine Brandschicht zieht sich als Dokument der Verwüstung
durch die Siedlungsfläche. Und die einstige Prachtstatue findet sich krümelweise, verteilt über das
Stadtgebiet. Das Forum, auffallend üppig für die kleine Siedlungsfläche, zeugt von den großen
Plänen. Das Regierungsgebäude stand solide auf Steinfundamenten. Bis zur Ausgrabung von Waldgirmes glaubte man,
solche gäbe es in den Nordprovinzen gar nicht.
Die City war auf dem Reißbrett zweifelsohne pompös geplant worden. Als Wasserleitungen verlegten die Bautrupps in
Waldgirmes Bleirohre. Offensichtlich wollten die Bauherren zahlungskräftige Bürger in die germanische Wildnis
locken - ein Umstand, der Gabriele Rasbach an eine Erzählung der Weltliteratur erinnert: "Das sieht hier aus wie
in der Trabantenstadt aus dem Asterix-Comic", sagt die Archäologin, die für die Römisch-Germanische
Kommission die Funde bearbeitet. Im Comic plant Cäsar eine luxuriöse neue Siedlung rund um das aufsässige
gallische Dorf, in dem die Protagonisten Asterix, Obelix und Idefix wohnen. Weil die Römer nicht freiwillig in die
Retortenstadt in der Provinz ziehen, verlost der Kaiser die Appartments sogar im Circus. Am Ende ziehen die Römer
wieder ab, lassen Trümmer und Fundamente zurück, und das gallische Dorf feiert ein Festmahl.
In Waldgirmes.ließen die Römer reichlich exotische Dinge liegen. Eine kostbare Brosche, einer Lotosblüte
nachempfunden, stammt vermutlich aus Agypten. Genauso eine knapp zwei Zentimeter große Perle, auf der ein Apis-Stier
abgebildet ist - eine ägyptische Gottheit. "Das sind keine billigen Souvenirs, sondern wertvolle
Schmuckstücke", sagt Rasbach. Olivenöl Amphoren erzählen von weitreichenden Handelsbeziehungen; in der
Erde lagen Exemplare aus Spanien und aus dem östlichen Mittelmeergebiet. In der diesjährigen Grabungskampagne kam
ein Stück Rohbernstein von der Ostseeküste dazu.
Nur eines wurde in der Stadt noch nicht gefunden: Buchstaben. Fast scheint es, als sei die Siedlung von Analphabeten bewohnt
gewesen. Keine Inschrift, kein Brief, keine Gesetzestafel. "Das einzige Schriftzeugnis ist ein Graffito auf einer
Terra-Sigillata-Scherbe", sagt Ausgräber Armin Becker. Terra Sigillata war das allgegenwärtige rot glasierte
Tischgeschirr, das Alltagsporzellan der Römer. Auf der Scherbe von Waldgirmes jedoch steht lediglich ein
Herstellungsvermerk.
Becker kann nur vermuten, was mit allfälligen Quellen passiert ist: "Die Inschriften an den Gebäuden
verschwanden wohl, als die Stadt zum Steinbruch für umliegende Germanendörfer wurde." Nicht einmal
Gräber, auf deren Grabsteinen die Namen der Verstorbenen notiert sein müssten, wurden bislang gefunden.
"Geben muss es sie irgendwo", sagt Becker, "auch wenn die Stadt nur zehn Jahre lang bewohnt war, sind
bestimmt eine ganze Reihe Leute während dieser Zeit gestorben." Seine Hoffnungen richten sich nun auf einen
Brunnen, den er gerade ausgräbt: Vielleicht ist dort ein Schrifttäfelchen hineingefallen.
Auf einem solchen könnte der antike Name der Stadt notiert sein. Bislang kennen die Wissenschaftler noch nicht einmal
deren Gründer. Hauptverdächtiger ist Augustus, der damals in Rom das Sagen hatte. Die Gründungsfrage
hätte auch die bronzene Reiterstatue klären können - wäre sie intakt und trüge einen entsprechenden
Kaiserkopf obendrauf. Aber weil das Stück aus unerfindlichen Gründen schon in der Antike zerschreddert und teils
in Gruben versenkt worden ist, findet sich heute nur noch hier ein Pferdegelenk und dort eine Gewandfalte.
Einst stand das Pferd auf einem Marmorsockel vor dem Forum, Reste von fünf weiteren Postamenten hat Armin Becker
gefunden. Doch auch hier warten nur neue Fragen auf den Ausgräber. Bei einem der Sockel lagen zwei Kalksteinblöcke
vergraben. Der Stein kam aus Lothringen. Ein weiter Weg für tonnenschwere Quader, zumal es im weiten Umkreis keine
Straßen gab. Die zuverlässigste Verkehrsanbindung nach Waldgirmes und zurück verlief über die
Flüsse: die Lahn und die Mosel. Wer schaffte auf diesem Weg die Blöcke in die Siedlung?
Sowohl Entstehung als auch Ende von Waldgirmes ähneln dem Schicksal von Cäsars Trabantenstadt im Asterix-Comic.
"Und nicht weit von den römischen Ruinen", heißt es da, "sind unsere Gallier wieder bei einem
ihrer traditionellen Festbankette vereint, um einen neuen Sieg zu feiern, einen Sieg über die Römer, einen Sieg
über den unerbittlichen Lauf der Zeit."