Lauter Verlierer
Von Waldgirmes dessen Aufstieg zur Metropole ein extrem rasches Ende gefunden hat
Von Heinz Tron
"Varus, oh Varus gib mir meine Legionen wieder", soll Kaiser Augustus im Jahre 9 n.Chr. auf dem römischen Palatin getobt
haben, als ihm die Nachricht von der vernichtenden Niederlage in den germanischen Wäldern mitgeteilt wurde. Etwas
Ungeheuerliches war geschehen: Drei Legionen bester römischer Soldaten waren von Barbaren aus dem ewig kalten und
regnerischen Germanien massakriert worden; der Stolz des Imperiums lag darnieder; unzählige Sprösslinge reicher römischer
Familien wurden an Bäumen aufgeknüpft.
Doch, im sumpfigen Gelände von Kalkriese bei Osnabrück, dem wohl wahren Ort der Schlacht im Teutoburger Wald, erfüllte sich
nicht nur das Schicksal des hochmütigen und wohl auch militärisch recht unfähigen Publius Quinctilius Varus samt seiner
18000 Soldaten. Die Niederlage hatte auch Konsequenzen für das hessische Lahntal, konkret: für das kleine Städtchen
Waldgirmes in der Nähe Gießens.
Waldgirmes, den meisten Menschen wohl vollkommen unbekannt, liegt in einer reizvollen Landschaft am Fuße des bereits in
vorgeschichtlicher Zeit besiedelten Dünsbergs. Heute ist es ein Stadtteil von Lahnau, einer so genannten Großgemeinde mit
rund 8500 Einwohnern. Auch wenn es seltsam klingen mag: Diese Stadt, obwohl weitab von Osnabrück, zählt auf jeden Fall zu
den Verlierern der Ereignisse des Herbstes 9. n. Chr. Hier an der Lahn, mitten in der Germania magna (also nicht in dem zum
Imperium Romanum gehörigen Teil Germaniens), war um die Zeitenwende ein römischer Militärstützpunkt entstanden. Schon bald
nach seiner Gründung begannen die Römer, den Stützpunkt umzubauen, und zwar in ein ziviles Verwaltungszentrum.
Man errichtete ein Forum mit Marktständen und einem Verwaltungsgebäude für die Steuerkasse, Häuser mit Laubengängen und
anderes, was uns aus dem städtebaulichen Programm der römischen Provinzen bekannt ist. Die Absicht war offenkundig, hier die
Hauptstadt der neu zu schaftenden römischen Provinz zwischen Rhein und Elbe entstehen zu lassen. Alles war bereit. Die
Angliederung war nur noch eine Frage der Zeit. Immerhin war Varus mit Heer und Tross bereits in den Gebieten unterwegs, um
Abgaben einzutrelben. Dann aber nahm das Schicksal seinen Lauf. Ein in Rom ausgebildeter Germane vom Stamme der Cherusker - die
römischen Quellen nennen ihn Arminius, was eingedeutscht zu Hermann wurde - trat in Erscheinung. Er zerstörte alle in Rom
geschmiedeten Pläne von der Osterweiterung des Imperiums in Germanien. Damit war auch die neue Hauptstadt ad acta. Die
Bauarbeiten in Waldgirmes wurden eingestellt die Siedlung verfiel. Nach und nach wurden die Reste unter dem Auenlehm der
Lahn begraben und zwar so gründlich, dass sie erst 1993 wieder entdeckt wurden. Anfangs hielt man den Fundplatz noch für ein
einfaches Militärlager. Als aber 1998 die steinernen Fundamente eines Forums gefunden wurden, entpuppte sich die Fundstelle
als ein im Aufbau begriffenes Verwaltungszentrum.
Nun kann man lange spekulieren, was wohl geworden wäre, hätte Varus auf andere gehört und wäre er nicht in die von Arminius
gestellte Falle marschiert. Betrachtet man jedenfalls andere römische Provinzhauptstädte auf deutschem Boden wie Mainz,
Köln, Trier oder Augsburg -, so stellt man fest, dass auf dem Gebiet von Waldgirmes ohne den Untergang der Varuslegionen
eine mittelgroße deutsche Stadt hätte entstehen können. Wahrscheinlich besäße man hier eine mindestens zweitligataugliche
Fußballmannschaft und mit Sicherheit einen anderen Stadtnamen. Vielleicht sogar einen Dom, einen großen Marktplatz mit
repräsentativen Häusern und eine Fußgängerzone.
Doch so, wie die Geschichte verlaufen ist, heißt der Flecken heute Waldgirmes, und selbst Geographiekundige sind überfragt,
wenn man von ihnen wissen will, wo dieser Ort überhaupt liegt, geschweige denn, was sich in ihm befindet.