Jähes Ende einer Römerstadt
Die Grabungsfunde in Waldgirmes gelten als Sensation

LAHNAU-WALDGIRMES. Eine vergleichbare archäologische Stätte wie Waldgirmes gibt es im gesamten Römischen Reich kein zweites Mal", sagt Siegmar von Schnurbein, Direktor der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts in Frankfurt. Das, was zu Beginn der neunziger Jahre auf der Höhe über dem Lahntal zwischen Wetzlar und Gießen als vermeintliches Marschlager römischer Truppen entdeckt worden war, könnte die Hauptstadt einer unter Kaiser Augustus geplanten neuen germanischen Provinz gewesen sein. Zumindest aber sollte es wohl einmal ein bedeutendes Verwaltungszentrum werden, schätzt Schnurbein, eine Ausgangsbasis für die organisatorische Vereinnahmung des in den Germanenfeldzügen des Drusus in den Jahren 12 bis 9 vor Christus unterworfenen Territoriums zwischen Rhein und Elbe.
Für die Archäologen ist diese Interpretation der Funde von Waldgirmes eine Sensation. Denn Tacitus und Cassius Dio haben in ihren Berichten die Stadtgründungen unter Kaiser Augustus jenseits des Rheins zwar erwähnt, gefunden hatte man bisher jedoch keine dieser Anlagen. Viele Details sprechen auch nach Einschätzung des Archäologen Armin Becker vom Hessischen Landesamt für Denkmalpflege für die Annahme, endlich auf eine dieser von den Autoren der Antike genannten neuen Stadtgründungen des Augustus gestoßen zu sein.
Knapp acht Hektar groß ist die von Palisadenwällen und Gräben umgebene Anlage. Stutzig wurden die Ausgräber, als sie nicht nur wie erwartet die Reste von Holzbauten entdeckten, die die römischen Soldaten normalerweise als Unterkünfte errichteten. Sie legten die Fundamente eines großen steinernen Bauwerks mit einer Grundfläche von 2200 Quadratmetern frei. Das paßte nun gar nicht zu der ursprünglichen Theorie eines für nur kürzere Aufenthalte angelegten Marschlagers. Vergleichbare Bauten mit großem Innenhof und Querhalle an freien Plätzen gelegen kannten die Archäologen aus zahlreichen Römerstädten Italiens -es waren immer die repräsentativen Verwaltungsgebäude, die politischen und wirtschaftlichen Zentren der Kommunen. Dort wie auch in Waldgirmes liegt dieses Zentralgebäude an einem Platz, dem Marktplatz.
Auch fand man im Erdreich in der Nähe des Steingebäudes die Reste einer gro3en steinernen Reiterstatue, wie sie auf einem Feldzug sicher nicht mitgeführt worden wäre. "Hier ist planmäßig eine zivile Stadt angelegt worden", sagt Becker. Immerhin wissen die Forscher mittlerweile, daß die Anlage nur ein Jahrzehnt lang bewohnt gewesen ist. Um Christi Geburt gegründet, wurde sie nach der katastrophaen Niederlage, die der römische Statthalter in Germanien, Publius Quinctilius VaruS im Jahr neun nach Christus im Teutoburger Wald erlitt, schon wieder verlassen; die Gebäude und Befestigungen wurden. zerstört. Der römische Kaiser Augustus hatte den Vorstoß der Zivilverwaltung in das rechtsrheinische Germanien hinein wagen können, nachdem die Hauptgegner in diesem Gebiet, die Sugambrer und Sueben, umgesiedelt oder aus dem Raum zwischen Rhein und EIbe verdrängt worden waren.
Im Anschluß an die militärischen Erfolge mußte möglichst schnell eine Infrastruktur geschaffen werden, wenn die Römer ihren Sieg in irgendeiner Form für sich nutzbar machen wollten. Die Schaffung von Handelszentren, die Anlage von Straßen oder die Einführung römischer Rechtsprechung in den eroberten Gebieten waren die Voraussetzungen, um aus dem neuen Territorium auch tatsächlich eine Provinz des Reichs zu machen.
Eines der römischen Zentren, von denen aus das rechtsrheinische Germanien erschlossen werden sollte, war offenbar die Stadtanlage bei Waldgirmes, in der möglicherweise mehr als 2000 Menschen wohnten. Nachdem sie von den Römen aufgegeben worden war, ist der Ort nicht mehr besiedelt worden. So treffen die Archäologen heute noch weitgehend unberührte Fundschichten an und können etwa die genaue Konstruktion des mit Erde verfüllten Palisadenwalls rekonstruieren. 2,5 Hektar der antiken Stätte sind bereits ergraben worden, mehr als drei Hektar könnten noch freigelegt werden und nur etwa ein halber Hektar der Fläche ist durch eine Lagerhalle am Ortsrand von Waldgirmes überbaut worden.
Inwieweit allerdings der Wunsch der Forscher, möglichst die gesamte Stadt ausgraben zu können, realisiert werden kann das wird von den Geldern abhängen, die für die aufwendigen Arbeiten noch zur Verfügung gestellt werden. Denn die Gemeinde Waldgirmes will das Gebiet der Römerstadt möglichst bald als Gewerbegebiet zur Nutzung freigeben. Offen ist derzeit ferner, was mit den steinernen Resten des großen Zentralgebäudes geschehen soll. Die Archäologin Gabriele Rasbach von der Römisch- Germanischen Kommission hält es für möglich, daß die Fundamente des vor 2000 Jahren errichteten Bauwerks mit Beton unterfangen werden, um sie so für die Zukunft als Denkmal der einstigen Römerstadt an jener Stelle sichtbar zu erhalten. Schnurbein hingegen sorgt sich weitaus grundsätzlicher um den Erhalt der freigelegten Relikte: "Kein Mensch weiß derzeit, was wir mit den ganzen Fundstücken machen sollen". Den Grund für dieses Übel weiß der Wissenschaftler durchaus zu benennen, denn im Gegensatz zu anderen Bundesländern gibt es in Hessen weder ein archäologisches Landesmuseum noch ein Landesmuseum mit archäologischem Schwerpunkt. Im Fall von Waldgirmes stimmt ihn diese Tatsache besonders nachdenklich, denn die Gräben an der Ostseite der ehemaligen Stadtbefestigung sind angefüllt mit Keramik sowohl aus römischer wie auch aus germanischer Produktion. Rätselhaft ist den Archäologen wer sich wohl die Mühe gemacht hat, Gräben der aufgelassenen Befestigung sorgsam zu füllen. Der hohe Anteil germanischer Keramik zeige indes, wie intensiv offenbar der Warenhandel zwischen Römern und Germanen schon wenige Jahre nach der Stadtgründung gewesen sein muß.
ERNST WEGEN