Wetzlarer Neue Zeitung

10. Oktober 2008

- Denke, das 2009 weitergegraben wird

Großes Interesse an Vortrag von Armin Becker über das römische Forum in Waldgirmes. Von herausragender Bedeutung

WALDGIRMES;(mo). "Der sehr gute Besuch heute Abend zeigt erfreulicherweise, dass das Geschehen um das römische Forum auch hier in Waldginnes und Lahnau immer mehr in unser Bewusstsein transportiert wird", so der Lahnauer Bürgermeister Eckhard Schultz, der zusammen mit dem Geschäftsführer des Fördervereins Römisches Forum, Peter Schepp, und Grabungsleiter Dr. Armin Becker über 100 sehr interessierte Besucher zu einem Vortrag im Dorfgemeinschaftshaus in Waldgirmes begrüßen konnte.

Mit dabei war auch Erwin Schmidt, Leiter des Hedwig-Schmidt-Museums in Waldgirmes, der sich besonders für die Grabungen eingesetzt hat. Schultz bedauerte, dass zu wenige Parlamentarier unter den Besuchern waren, schließlich ist das Lahnauer Parlament stark in das Geschehen um das römische Forum eingebunden. Schultz wies darauf hin, dass der Runde Tisch eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben hat, die am 15. September in der Sitzung des Parlaments vorgestellt wird. Die Studie soll aufzeigen, wie es mit dem Römerforum weitergehen könnte.

Peter Schepp freute sich über das große Interesse für die Grabungen, die 1993 begannen und der ältesten römischen Stadtgründung östlich des Rheins gelten. "Wer weiß, was aus diesem interessanten Beginn einer Stadtgründung geworden wäre", so Armin Becker. Der Grabungsleiter zeigte anhand einer Power- Point -Präsentation geschichtliche Hintergründe auf, Armin Becker wies auf ein 21 Hektar großes römisches Marschlager bei Dorlar hin, wo die Truppen in Zelten untergebracht waren, und zeigte Fundstellen auch über das 2200 Quadratmeter große, über steinernen Fundamenten errichtete Forum hinaus.

Gerda Weller war es, die bei Feldbegehungen seit 1990 am nordwestlichen Ortsrand von Waldgirmes römische und germanische Keramik aus der Zeit um Christi Geburt fand. Diese Funde führten seit 1993 zu großflächigen Ausgrabungen und umfangreichen geophysikalischen Prospektionen, in deren Verlauf in Waldgirmes eine 7,7 Hektar große Stadtgründung aus der Zeit des römischen Kaisers Augustus entdeckt wurde. Die Bauhölzer eines 2005 ausgegrabenen, knapp acht Meter tiefen Brunnens ermöglichten nach Auswertung der Jahrringe, die Gründung der Anlage auf spätestens das Jahr 4 vor Christus zu datieren. Der Platz war mit zwei Spitzgräben und einer Mauerkonstruktion aus Holz und Erde befestigt. An den beiden Straßen lagen aus Fachwerk errichtete und mit vorgelagerten Laubengängen versehene Wohn- und Wirtschaftsbauten. Die Interpretation als Stadtgründung basiert vor allem auf dem Grundriss eines über 2000 Quadratmeter großen Gebäudes im Zentrum der Anlage, das auf steinernen Fundamentmauern errichtet wurde. Aufgrund vergleichbarer römischer Bauten in Italien und Frankreich wird der Bau als Forum interpretiert. Diese Gebäude waren in antiken Städten Sitz der munizipalen Selbstverwaltung und dienten als Markt- und Gerichtsgebäude.

Am Sonntag Führungen

Auch die Funde, unter denen sich kaum Waffen oder militärische Ausrüstungsgegenstände befinden, stützen die zivile Deutung des Platzes. Es handelt sich dabei vor allem um Keramik, die zum Teil in den beiden ausgegrabenen Töferöfen vor Ort hergestellt wurde. Ein weiterer Teil kam aus der französischen Champagne. Terra sigillata, das feine, rot überzogene Tafelgeschirr der Römer, bezog man dagegen überwiegend aus Italien selbst. Auffallend hoch ist der Anteil einheimischer, von Hand und nicht auf der Töpferscheibe geformter Keramik, was auf einen friedlichen Austausch mit der ansässigen Bevölkerung hindeutet. Daneben finden sich seltene Importe aus dem östlichen Mittelmeerraum sowie Bruchstücke einer vergoldeten, etwa lebensgroßen Reiterstatue aus Bronze. "Die Ausgrabung in Waldgirmes ist für die Beurteilung der augustinischen Germanienpolitik, ihrer Zielsetzungen und konkreten Umsetzung von herausragender Bedeutung und gehört zusammen mit den Grabungen in Kalkriese, dem wahrscheinlichen Ort der Varusschlacht, zu den bedeutendsten Fundplätzen dieser Epoche in Deutschland", so Becker abschließend.

Die folgende Diskussion zeigte das hohe Interesse der Besucher an den Ausgrabungen. Wer mehr wissen will, dem kann am Sonntag 14. September, am Tag des offenen Derikmals geholfen werden. Dann stehen an der Grabungsstätte von 10 bis 17 Uhr Fachleute bereit, kleine Gruppen zu führen, über die Grabungen zu informieren und viele Fragen zu beantworten.

Die Frage, wie und ob es mit den Grabungen weitergeht, beantwortete Becker so: "Jch gehe davon aus, dass 2009 noch weiter gegraben wird und dass uns die Deutsche Forschungsgemeinschaft weiter die finanziellen Mittel zur Verfügung stellen kann." Genannt wurde auch ein Termin für 2009. Am 9. und 10. Mai wird in Waldgjrrnes als einzigem Ort in Hessen der Schlacht im Teutoburger Wald gedacht -ein Termin, den Interessierte schon jetzt einplanen sollten.